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Als die Coronavirus-Krise droht, starten Israelis eine Gaza-Solidaritätskampagne
Als COVID-19 Gaza erreicht, starten Israelis eine Kampagne, um Geld aufzutreiben und appellieren an ihre Regierung, Verantwortung für die Krise in dem Streifen zu übernehmen.
Von Yaara Benger Alaluf, Hadas Pe'ery, Adi Golan Bikhnafo und Guy Shalev ,2. April 2020
 


Der neue Coronavirus hat Gaza erreicht und die Vorstellung der potentiellen Auswirkung einer Massenverbreitung von COVID-19 in dem besetzten Streifen ist erschreckend. Das ist nicht nur aufgrund dessen, wie tödlich der Virus in Ermangelung eines Impfstoffes sein kann, sondern auch aufgrund der besonderen Bedingungen in Gaza. Die Enklave hat eine äußerst hohe Bevölkerungsdichte und eine marode Infrastruktur, das Ergebnis der tödlichen und unverhältnismäßigen Militärangriffen, die Israel alle paar Monate ausführt – zuletzt, nur wenige Tage zuvor.

Wenn Länder mit einer starken Volkswirtschaft, modernen Gesundheitssystemen und starken Sozialnetzwerken kämpfen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen, was werden ihre Auswirkungen dann auf Gaza sein? Die Masseninfektion und die Todesrate, die wir in China erlebt haben und die wir jetzt in Italien, Spanien und in den Vereinigten Staaten sehen, sind nur ein Vorgeschmack dessen, was geschehen könnte, wenn der Virus in dem größten Gefängnis der Welt wütet.

Wenn wir an das unausweichliche Desaster, das vor uns liegt, denken, fürchten wir auch die anhaltende Gleichgültigkeit der israelischen Öffentlichkeit im Hinblick auf die Situation in Gaza. Aber die COVID-19-Krise hält auch das Potentiel für uns, unsere Realität zu überdenken, unseren gesunden Menschenverstand in Frage zu stellen, unsere schrumpfenden Freiheiten zu bewerten, unsere Prioritäten neu zu setzen und in Solidarität zusammenzustehen.

Deshalb haben wir, eine Gruppe jüdischer Israelis, eine unabhängige Kampagne gestartet, mit dem Namen, „Epidemie in Gaza“, um das Bewusstsein zu wecken und Solidarität mit den Palästinenser in Gaza auszudrücken. Unsere Hoffnung ist, dass wir, in einem Augenblick der Krise, wenn wir uns über die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Nächsten sorgen, nichtsdestoweniger einen Spielraum finden können, um unsere Verantwortung für die Realität anzuerkennen, die nur ein paar Meilen entfernt stattfindet. Es ist unsere Pflicht, sofortige Hilfe zu beschaffen und, was noch wichtiger ist, eine sofortige Änderung von Israels unmenschlicher Politik gegenüber den Menschen in Gaza zu fordern.

Es wird von Tag zu Tag deutlicher, dass die Pandemie nicht nur ein Gesundheitsnotstand ist, sondern auch ein Beweis für die Krise der öffentlichen Gesundheitssysteme und des Sozialwesens. Es waren weder die Fledermäuse in China, die die Bettenanzahl in Israel reduzierte, noch die Pangolins, die öffentliche Häuser zerstörten. Die hohe Armutsrate in Israel wurde nicht durch einen fehlgeleiteten Husten verursacht. Ebenso würde der Schaden und die Agonie, die Gaza nun widerfahren könnte, nicht nur das Ergebnis des Virus sein, sondern das von Israels Politik.

Professor Yehia Abed von Gazas Al-Quds Universität, ein Experte in öffentlicher Gesundheit und Berater des palästinensischen Gesundheitsministeriums für die Corona-Pandemie, nahm an einem J Street webinar am 26. März teil, in dem er die Bemühungen der medizinischen Fachkräfte in Gaza ansprach. Prof. Abed betonte die enorme Kluft zwischen den Quellen, die in Israel zum Kampf gegen die Pandemie zur Verfügung stehen und jenen, die, als Ergebnis von Jahrzehnten der Kontrolle und Unterdrückung in dem Streifen verfügbar sind .

Er stellte weiterhin fest, dass die Palästinenser in Gaza Israel für die Zerstörung ihres Gesundheitssystem verantwortlich machen. Als solches halten sie es für eine Verpflichtung des Staates, medizinische Hilfsmittel, die zur Bekämpfung der Pandemie benötigt werden, zu beschaffen. Derartige Hilfe zu beschaffen, das ist kein Akt der Barmherzigkeit, sondern vielmehr Israels Pflicht. Gleichermaßen bestanden Menschenrechtsorganisationen, darunter (Ärzte für Menschenrechte – Israel, B‘Tselem und Gisha) Physicians for Human Rights – Israel, B’Tselem, und Gisha , auf Israels Verantwortung, sowohl aus moralischen Gründen als auch gemäß dem Völkerrecht – für die Gesundheit der Menschen in Gaza.

“Weshalb ist es unsere Verantwortung?” mögen viele Israelis fragen. Jedoch waren es zwei Gazaner, die über Ägypten aus Pakistan zurückkehrten, die den Virus in den Gazastreifen gebracht haben — also, weshalb sollten wir Israel zur Verantwortung ziehen? Doch, auch wenn es nicht Israel war, das COVID-19 nach Gaza brachte, so ist Israel dennoch für die Unfähigkeit des Streifens, die aufkommende Krise wirksam zu bekämpfen, verantwortlich.

Nicht nur sofortige Hilfe sondern auch eine Forderung, die Politik zu ändern
- Wir dürfen nicht vergessen: die meisten Palästinenser in Gaza sind Flüchtlinge des Krieges von 1948, deren Rückkehr in ihre Häuser und zu ihrem Land von Israel verboten wird. Das ist die Grundursache für Armut und Überbevölkerung in Gaza. Wie ist es möglich, einen „sicheren Abstand“ zu wahren und überfüllte Plätze zu meiden, wenn die Bevölkerungsdichte über 5000 Menschen pro Quadratkilometer ausmacht?
Israel kontrolliert weiterhin die meisten Lebensbereiche in Gaza, sogar nach seinem „Rückzug“ im Sommer 2005. Es kontrolliert den Luftraum, die Hoheitsgewässer sowie alle Landübergänge, mit Ausnahme von Rafah, der von Ägypten betrieben wird. Es überwacht die Waren, die nach Gaza eingeführt werden und begrenzt die Einfuhr medizinischer Ausrüstung. Es schränkt die Zufuhr von Wasser und Elektrizität ein.

Wie ist es möglich, eine vernünftige Hygiene einzuhalten, wenn 95 Prozent des Wassers in Gaza verschmutzt ist und wenn die Klärsysteme kollabieren? Wie ist es möglich, einer Pandemie zu begegnen, wenn Lieferungen von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln kaum genügen, und es nur 70 ICU Betten und 60 Ventilatoren gibt, um eine Bevölkerung von über zwei Millionen zu bedienen.

 

Palestinensische Mitarbeiter des Zivilschutzes, die eine Straße in Rafah im südlichen Gazastreifen am 23. März 2020 desinfizierten, nachdem die ersten beiden Fälle von Coronavirus in Gaza bestätigt wurden. (Abed Rahim Khatib/Flash90)P

Mit wachsender Arbeitslosigkeit und wenig Möglichkeiten, in andere Länder auszuwandern arbeiten circa 6000 Gazaner in Israel, vorwiegend im Bauwesen und in der Landwirtschaft. Jedoch im Hinblick auf die Verschärfung der Bewegungseinschränkungen angesichts des Ausbruchs des Coronavirus waren palästinensische Arbeiter aus Gaza in Israel nicht länger erlaubt. Man muss nicht unbedingt erwähnen, dass sie weder Hilfe, noch Entschädigung erhalten.

Israel hat außerdem weitere Einschränkungen bezüglich der Ein- und Ausreise im Streifen für Patienten, die dringend medizinische Versorgung benötigen. Diese Strategie hat sich nicht geändert, auch nicht, als die ersten Fälle von COVID-19 in Gaza auftauchten.

Die Dringlichkeitskampagne, die wir diese Worte gestartet haben, zielt daraufhin, direkte Unterstützung auszudrücken und Hilfe zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus in Gaza zu beschaffen. Aber diese Aktion hat ebenfalls zum Ziel, reflektierende Solidarität zu fördern, die die Ungleichheit der Macht zwischen dem Gazastreifen und Israel erkennt und sich weigert, Israels Gewalt zu normalisieren oder seine Verantwortung für das Leben und das Wohlergehen der in Gaza Belagerten zu reduzieren.
Wir waren von der Reaktion auf die Kampagne positiv überrascht. Innerhalb von drei Tagen erreichten wir unser anfängliches Ziel von NIS 20.000, und uns bleiben noch 10 Tage mehr, um unser neues Ziel von NIS 50.000 zu erreichen. Die Gelder werden zum Kauf von Handhygienemittel und anderer medizinischer Ausrüstung genutzt, die von den Ärzten für Menschenrechte - Israel nach Gaza transportiert werden – sobald wie möglich. Wir erhielten Dutzende von rührenden Antworten, darunter auch von anderen Aktivisten in Gaza.

In diesen unerträglichen Zeiten der Ungewissheit und Besorgnis um diejenigen, die uns am Herzen liegen, sehen wir einen Spalt an Mitgefühl und eine Gelegenheit, in Solidarität mit unseren Schwestern und Brüdern jenseits des Grenzzauns zu stehen. Wir streben danach, diesen Spalt zu erweitern. Wir wollen die Chance dieses seltenen Augenblicks des Potentials für radikale Veränderungen ergreifen, um das größere Bild zu sehen, um die anhaltenden Unterdrückungen zu erkennen und auf eine bessere Realität hinzuarbeiten.

Diese Situation kann nicht so weitergehen. Israel muss die Blockade beseitigen, die Belagerung beenden und verantwortlich handeln, um eine bessere Zukunft für alle Bewohner dieses Gebietes zu versprechen. Diese nachhaltige Lösung für Gaza ist nicht die sofortige humanitäre Hilfe, sondern vielmehr die vollständige Befreiung von Besetzung und Belagerung.

Guy Shalev, Adi Golan Bikhnafo, Hadas Pe’ery, and Yaara Benger Alaluf sind die Initiatoren der Kampagne gegen die Epidemie in Gaza עזה במגפה وباء بغزة.
Dr. Yaara Benger Alaluf ist Historikerin und eine feministische politische Aktivistin.
Hadas Pe'ery ist Musiker und politischer Aktivist.
Adi Golan Bikhnafo ist Künstler und politischer Aktivist.
Dr. Guy Shalev ist ein medizinischer Anthropologe an der Martin-Buber-Stipendiatengesellschaft der Hebräischen Universität.

Quelle     Übersetzt von Inga Gelsdorf


 

Corona: Dies ist eine globale Pandemie – behandeln wir sie als solche!
Adam Hanieh - 27. März 2020

 

Die Corona-Pandemie leitet eine weitreichende Wende ein, deren Richtung und Konsequenzen wir noch nicht klar erkennen können. Was wir allerdings bereits jetzt mit aller Klarheit feststellen, ist, dass diese Pandemie ein globales Ausmaß annimmt und zugleich die Menschen, Regionen und Länder höchst ungleich in Mitleidenschaft zieht. Adam Hanieh plädiert eindringlich dafür, die globale Dimension zu erkennen und in unserem Handeln in Europa und den USA zu berücksichtigen. Er erinnert uns an die Bedeutung der internationalistischen Solidarität. (Red.)

Angesichts des COVID-19-Tsunamis verändert sich unser Leben in einer Weise, wie es noch vor wenigen Wochen unvorstellbar war: Wir erleben eine einzige, sich schnell verändernde, globale Krise, die den Rhythmus unseres täglichen Lebens in einem komplexen Gewebe aus Risiken und konkurrierenden Wahrscheinlichkeiten strukturiert. Nicht einmal der tiefe ökonomische Einbruch von 2008/09 führte weltweit zu solch tiefgreifenden Verwerfungen. Und im Globalen Süden wird es aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer sozialen Katastrophe kommen. (...)


Der Nahe Osten beispielsweise ist der Ort der größten Zwangsvertreibung seit dem Zweiten Weltkrieg, mit einer massiven Anzahl von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen als Folge der anhaltenden Kriege in Ländern wie Syrien, Jemen, Libyen und Irak. Die meisten dieser Menschen leben in Flüchtlingslagern oder überfüllten städtischen Räumen und haben oft keinerlei Rechte auf Gesundheitsversorgung, die typischerweise mit der Staatsbürgerschaft verbunden sind. Die weit verbreitete Unterernährung und andere Krankheiten (wie z.B. das Wiederauftreten der Cholera im Jemen) machen diese Vertriebenengemeinschaften besonders anfällig für das Virus selbst.

Ein Mikrokosmos davon ist im Gazastreifen zu sehen, wo über 70% der Bevölkerung als Geflüchtete in einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt leben. Die ersten beiden Fälle von COVID-19 wurden am 20. März in Gaza identifiziert (aufgrund fehlender Testgeräte wurden jedoch nur 92 Personen der 2 Millionen Einwohner*innen auf das Virus getestet). Nach 13 Jahren israelischer Belagerung und der systematischen Zerstörung der wichtigsten Infrastruktur sind die Lebensbedingungen im Gazastreifen durch extreme Armut, schlechte sanitäre Verhältnisse und einen chronischen Mangel an Medikamenten und medizinischer Ausrüstung gekennzeichnet (so gibt es beispielsweise nur 62 Beatmungsgeräte in Gaza, von denen derzeit nur 15 zur Verfügung stehen). Der Gazastreifen war während des grössten Teils des letzten Jahrzehnts blockiert und abgeriegelt und somit lange Zeit vor der aktuellen Pandemie gegenüber der Aussenwelt abgesperrt. Die Region könnte der sprichwörtliche Kanarienvogel in der COVID-19-Kohlengrube sein – ein Vorzeichen für den künftigen Verlauf der Infektion in Flüchtlingsgemeinschaften im gesamten Nahen Osten und anderswo.
Sich überschneidende Krisen

Die drohende Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit, mit der sich ärmere Länder infolge von COVID-19 konfrontiert sehen, wird durch einen damit verbundenen globalen Wirtschaftsabschwung, der mit ziemlicher Sicherheit das Ausmass von 2008/09 übertreffen wird, noch weiter verschärft werden. Es ist noch zu früh, die Tiefe dieses Einbruchs vorherzusagen, aber viele führende Finanzinstitute erwarten, dass dies die >>>

Die palästinensische  Künstlerin Laila Shawa

Laila Shawa (1940 in Gaza geboren) studierte Kunstwissenschaft am Leonardo-da-Vinci-Kunstinstitut in Kairo sowie an der Kunstakademie in Rom, wo sie 1964 ihren Abschluss machte. Stilistisch beeinflusst wurde sie in dieser Zeit auch von Oskar Kokoschka, dessen „Schule des Sehens“ sie besuchte. Anschließend arbeitete sie bis 1967 für die UNRWA als Kunstlehrerin in Gaza. Bis zum Beginn des Libanesischen Bürgerkriegs wirkte sie als freischaffende Künstlerin in Beirut, danach kehrte sie nach Gaza zurück, wo sie gemeinsam mit ihrem Vater, Rashad al-Shawa, der lange Jahre Bürgermeister von Gaza war, an der Errichtung des nach ihm benannten Rashad-Shawa-Kulturzentrum mitwirkte, das nach dreijähriger Bauzeit 1988 eröffnet wurde. Gegenwärtig lebt und arbeitet sie in London.

Werk - Charakteristisch für die Arbeiten von Laila Shawa ist das vergleichsweise breite Spektrum an Techniken und Stilen, derer sie sich bedient: Sie stellt Plastiken her, malt auf Leinwand, verarbeitet in Collagen auch Fotografien und verschiedenste andere Materialien und arbeitet daneben auch kalligrafisch. Dabei arbeitet sie oft seriell und nähert sich so einem bestimmten Thema aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Mitunter bedient sie sich dabei auch christlicher und islamischer religiöser Motive. Hoffnung, Gewalterfahrung durch Krieg und Widerstand sind bestimmende Themen ihrer Arbeit. Sozialkritisch setzte sie sich auch mit gesellschaftlichen Beschränkungen auseinander, die speziell palästinensischen Frauen auferlegt sind.  >>>

 

 

Leben und Werk der palästinensischen Islamo-Pop-Künstlerin Laila Shawa
Naima Morelli - 2. April 2019 - Übersetzt mit DeepL

Eine Gruppe von Frauen, die verschiedenfarbige Niqabs tragen, tragen ebenso farbenfrohe Eiscremes. Ihre Augen sind geschlossen, als wollten sie die verschiedenen Geschmacksrichtungen genießen. Natürlich können sie das nicht, weil ihre Münder mit Stoff bedeckt sind. Dieses gemalte Bild ist ein kraftvolles Statement nicht nur für das Gespräch über Frauen im Nahen Osten, sondern auch für den Wunsch nach Verwestlichung durch einen Teil der nahöstlichen Gesellschaft. Beide sind in "Impossible Dream" der in Gaza geborenen Künstlerin Laila Shawa enthalten.

Nicht alle Künstler mit einem bewegten Leben haben ein Werk mit ähnlich überzeugenden Merkmalen. Shawa ist es jedoch gelungen, Kunst und Leben in einem originellen und einzigartigen Gesamtwerk zu vereinen. Während die Künstlerin vor jeder Art von Etikett für sich selbst zurückschreckt, hat sie ihre Karriere dem Ziel gewidmet, die komplexen Lebensrealitäten der Palästinenser zum Ausdruck zu bringen und gleichzeitig den Frauen in der Region eine Stimme zu geben. Auf diese Weise ist es ihr gelungen, Kunst zu schaffen, die politisch ist, ohne einfache Rhetorik zu sein; Pop, ohne oberflächlich zu sein. Sie hat sich sowohl in das Kunstgespräch als auch in den sozialen Aktivismus vertieft, ist eng mit dem Zeitgeist verbunden und zeitlos. Kein Wunder also, dass neue Künstlergenerationen auf sie als Bezugspunkt blicken.

Laila wurde 1940 in Gaza geboren und war gerade acht Jahre alt, als der Staat Israel in ihrer Heimat Palästina gegründet wurde. Als Nachfahrin einer der ältesten palästinensischen Landbesitzerfamilien stammte sie aus einer langen Linie starker, intellektueller Frauen. Einen großen Einfluss hatte ihr Vater, Rashad Al-Shawa, ein Aktivist und von 1971 bis 1982 Bürgermeister von Gaza. Die revolutionäre Haltung, der sie von klein auf ausgesetzt war, ist der Künstlerin bis heute erhalten geblieben.

Mein Leben in Hebron: "Ich träume von einem Tag, an dem es keine Siedlungen mehr gibt".


Die Jugend von Laila Shawa war kosmopolitisch. Sie besuchte das Internat und die Universität in Kairo und flog dann nach Italien, um die Kunstakademie in Rom zu besuchen. Dort war sie in den sechziger Jahren, als die Atmosphäre in der Ewigen Stadt bedeutsam und sehr glamourös war, mit den Künstlerstars von der Piazza del Popolo in den Cafes Rosati und Canova mit den Rolling Stones sowie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Das muss für die Künstlerin angesichts des damaligen Geschehens in ihrem eigenen Land einen auffälligen Kontrast dargestellt haben.
Kunstwerk mit verschiedenfarbigen Niqabs mit Eiscreme der palästinensischen Künstlerin Laila Shawa

Dieses Aufeinanderprallen sehr unterschiedlicher Welten hallt noch immer in ihrem künstlerischen Stil nach, der von Kritikern als "Islamo-Pop" definiert wird. Ihre Herangehensweise kann nicht anders, als postmodern zu sein und sowohl die Hoch- als auch die Tiefsinnigen und die spärlichen kulturellen Einflüsse zu betrachten. Dies wird jedoch von einem starken Gefühl der Zielstrebigkeit angetrieben, das vielen postmodernen Künstlern fehlt. Es ist die sozio-politische Reflexion, die mit einer gesunden Dosis Ironie und Humor angegangen wird. Das Bild der muslimischen Frau, die versucht, diese Eiscremes zu kosten, ist in diesem Sinne emblematisch.

Wenn es in der Tat etwas gibt, das Shawa aus ihrer peripatetischen Existenz aufgenommen hat, dann ist es die Erkenntnis, dass komplexe Probleme zu vielfältigen Erklärungen führen, die sich oft gegenseitig ausschließen. Sie ist jedoch der Ansicht, dass Künstler einen privilegierten Blick auf das Leben haben. Sie selbst versucht, jede Frage von allen Seiten zu betrachten, um eine Art erweiterte Perspektive zu finden, wenn sie gesellschaftspolitische Themen anspricht. Durch ihre multimedialen Kunstwerke ermutigt sie die Betrachter, Empathie zu entwickeln und sich von Vorurteilen und Stereotypen zu lösen.

Interview: 'Palästinensische Stickerei wird von Israel bedroht'. - Ein Beispiel für diese Arbeitsweise ist Lailas "Walls of Gaza III, Fashionista Terorrista" von 2010, ein Siebdruck, der von ihren eigenen Fotografien stammt. Das Bild zeigt eine Person, die einen Keffiyeh und einen Pullover trägt, der mit einem Aufnäher aus New Yorker Kristall von Swarovski verziert ist. Das Bild zeigt, wie die Keffiyeh, ein Symbol des Widerstands in Palästina, heute von den Menschen im Westen als modisches Statement betrachtet wird. Der Künstler spielt mit dem Kitschigen, Lustigen und Ironischen und zeigt, wie Bilder in den Medien immer wieder instrumentalisiert, interpretiert und rekontextualisiert werden. Die Arbeit kommentiert auch die volkstümliche Vorstellung von palästinensischen Männern oder Frauen und wie die Menschen danach eingeteilt werden, auf wessen Seite sie stehen.

Es ist die Kombination des Pop-Art-Stils mit einem hochpolitischen Inhalt, die ihr Kunstwerk ansprechend und schockierend zugleich macht. Ein weiteres Werk, in dem dies deutlich zutage tritt, ist "Die andere Seite des Paradieses", in dem kopf-, arm- und fußlose Schaufensterpuppen in kräftigen Farben gemalt und mit Edelsteinen verziert sind. Bei genauerem Hinsehen erkennt man Ketten und Gürtel aus Munition und Dynamit an den Torsi. Wir sehen, was die andere Seite des Paradieses in Gaza ist.

Wir kennen die Rolle, die Graffiti während des von Israel während der ersten palästinensischen Intifada (Aufstand von 1987-1993) erzwungenen Medienblackouts spielten. In enger Verbindung mit all den verschiedenen Ausdrucksformen jener Zeit schuf Shawa eines ihrer markantesten Werke, das gerade durch Graffiti inspiriert wurde. In "Gefangen I-III" zum Beispiel verbergen arabische Worte eine schreiende Frau im Hintergrund. Die Botschaften gingen von persönlicher Kommunikation über politische Parolen bis hin zu Streikaufrufen. Die Serie "Gefangen" bringt die Notwendigkeit menschlicher Kommunikation zum Ausdruck und fängt gleichzeitig einen entscheidenden Moment in der palästinensischen Geschichte ein.

Drucke von Palästina: Wenn Tradition auf moderne Mode trifft
- Als Vertreterin des Zusammentreffens von Ethik und Ästhetik ist die Künstlerin im Laufe der Jahre nicht nur auf den großen Kunstmessen und in den großen Galerien vertreten gewesen, sondern hat sich auch ständig vor Ort engagiert. Dies führte sie von ihrer frühen Beaufsichtigung der Kunst- und Kunsthandwerkerausbildung in Flüchtlingslagern für die UN Relief and Works Agency (UNRWA) zu ihrem ihrer Meinung nach größten Projekt, dem Rashad Shawa Cultural Centre. Dabei handelt es sich um ein nach ihrem Vater benanntes Mehrzweckzentrum für Kunst und Kultur, mit dessen Bau sie begann, nachdem sie nach einer Zeit in Beirut nach Gaza umgesiedelt war. Leider wurde das Zentrum im Laufe der Jahre von Arafat beschlagnahmt und von den Israelis bombardiert; heute wird es von der Hamas kontrolliert. Der Künstler hat jedoch die Hoffnung nicht verloren, dass es eines Tages wieder aktiv sein wird.
Die palästinensische Künstlerin Laila Shawa mit ihrem Kunstwerk

Diese Hoffnung, dieses lang anhaltende Engagement für Kunst, Kultur und politisches Engagement kann nur helfen, wenn es aus dem Glauben an die transformative Kraft von Kunst und Kultur kommt. In jedem Werk von Laila Shawa können wir diesen starken Glauben an die Fähigkeit der Menschheit, über sich selbst nachzudenken und, sobald sie bereit ist, ihren Kurs zu korrigieren, deutlich erkennen.

Die besten Künstler sind diejenigen, die einen etwas über sich selbst entdecken lassen, das man nicht wusste; wie jemand, der auf eine App hinweist, von der man nicht wusste, dass sie die ganze Zeit auf dem Handy war, und die das Leben irgendwie revolutioniert. Laila Shawa gehört zu den besten von ihnen.   Quelle


Diese Fabrik in Gaza stellte einst Kinderkleidung her. Jetzt stellt sie Schutzanzüge her.
In der Werkstatt werden täglich etwa 400 Anzüge hergestellt, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen.
 Mohammed Zaanoun 8. April 2020 - Übersetzt mit DeepL

Als das neue Coronavirus den Gazastreifen erreichte, beschloss Alaa Qreiqea, seine Kinderkleiderfabrik umzuwidmen und Schutzanzüge herzustellen. In seiner Werkstatt werden nun täglich etwa 400 Anzüge hergestellt, die an wichtige Helfer im Gazastreifen sowie im Westjordanland und in Israel verkauft werden.

Die Fabrik beschäftigt etwa 30 Personen, sagte Qreiqea, der in 20 Jahren ist und aus dem Shuja'ia-Viertel von Gaza-Stadt stammt. Das Wissen, dass die Arbeiter Familien haben, die sie in dieser schwierigen Zeit unterstützen müssen, sei es, was ihn motiviert habe, die Fabrik in Betrieb zu halten, erklärte er).

 



"Es geht nicht um Profit, sondern darum, die Menschen vor großen Gefahren zu schützen", sagte er.
- Um diesen Übergang zu vollziehen, erforschte Qreiqea Stoffe, aus denen die Schutzanzüge hergestellt werden können, bis sie sich auf einem wasserdichten und hitzebeständigen Material festsetzen. Wenn die Anzüge fertiggestellt sind, werden sie Labortests unterzogen, um sicherzustellen, dass sie den globalen Gesundheitsstandards entsprechen. Schließlich werden sie sterilisiert, bevor sie in dem Streifen an Kunden verkauft werden, zu denen Sicherheitskräfte, medizinisches Personal und Journalisten gehören.

 



Das palästinensische Gesundheitsministerium hat bis zum 8. April insgesamt 263 COVID-19 Fälle in den besetzten palästinensischen Gebieten bestätigt, von denen sich 44 erholt haben und einer gestorben ist. In Gaza wurden insgesamt 13 Fälle registriert, darunter sechs Personen, die sich erholt haben.

Israel hat nach dem Machtantritt der Hamas seit 2007 eine Land-, Luft- und Seeblockade über den Streifen und seine 2 Millionen Palästinenser verhängt. Jahrelange Restriktionen für die Ein- und Ausreise von Menschen und Gütern haben zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen und extremer Armut geführt. Der Zugang zu sauberem Wasser und Elektrizität ist unregelmäßig, und in den Krankenhäusern herrscht ein gravierender Mangel an Medikamenten und Ausrüstung.

"Wir befinden uns in einer Notlage", sagte Qreiqea. "Ich hoffe, dass dieser Alptraum enden wird.  Quelle

 


 

 

 

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Was trägt Israel durch seine Politik zum Judenhass bei?

Die deutsche Antisemitismus-Forschung befindet sich in einem großen Dilemma /
Mehr Geld vom Staat wird nicht helfen

Arn Strohmeyer

Corona macht es möglich: Die Bundesregierung legt noch ein paar Millionen Euro für die Antisemitismus-Forschung drauf (insgesamt 12 Millionen Euro). Von dem Geld soll die interdisziplinäre Forschung profitieren und damit der Kampf gegen den Judenhass intensiviert werden. Der Antisemitismus-Beauftrage Felix Klein jubelt. Aber ob das Geld aber wirklich sinnvoll angelegt wird, daran muss man große Zweifel äußern. In einem Punkt muss man der Wissenschaftsministerin Anja Karlizcek aber sogar Recht geben: Die Corona-Krise produziert gerade auf dem Gebiet des Antisemitismus schlimme Blüten, einen unglaublichen und hanebüchenen Irrationalismus. Wer die Erkenntnisse der Virenforscher nicht zur Kenntnis nehmen will, der sucht die Ursache für den Antisemitismus in der jüdischen Weltverschwörung oder bei den „Weisen von Zion“ und glaubt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu sein. Dümmer geht es nicht!

Aber der Antisemitismus ist eine zu ernste Sache, als dass man darüber in Irrationalismus machen sollte. Es gibt den Judenhass leider noch immer in großer Verbreitung. Nur ob gerade die deutsche Forschung, so wie sie hierzulande betrieben wird, da weiterführt, ist wohl kaum anzunehmen. Da stehen als Hindernisse zu große Denkverbote im Wege – vor allem das ganz große Tabu Israel. Es ist ein gesichertes empirisches Faktum, dass die brutale Politik dieses Staates gegenüber den Palästinensern, seine Verachtung des Völkerrechts und der Menschenrechte diesem Volk gegenüber, heute eine der Hauptursachen für Antisemitismus in der Welt ist. Da es für die deutsche Politik und auch die Wissenschaft ein ungeschriebenes Dogma ist, dass Juden nur Opfer sein können und Israel der Staat der Opfer ist, haben sie sich selbst die Hände gebunden, die Realität dieses Staates und seiner Politik zu erkennen.

 

 

Woher der heutige Antisemitismus vorrangig kommt, wissen aufgeklärte Geister auch in Israel. So schrieb der Politiker Roman Bronfman von der Meretz-Partei schon vor Jahren in der Tageszeitung Haaretz: „Es ist an der Zeit, den Tatsachen nicht länger auszuweichen und sich die einfache bittere Wahrheit einzugestehen: In den Augen der Welt hat Israel seine Legitimation verloren, und dass es so gekommen ist, haben wir uns selbst zuzuschreiben. War der Antisemitismus bisher ausschließlich unter politischen Extremisten anzutreffen, so sorgt Israel mit seiner fortgesetzten Politik seiner grausamen Besatzung dafür, dass sich die antisemitische Stimmung ausbreitet und dass sie auch noch weiter angefacht wird.“ (Haaretz, 3. 11. 2003)

Israel liefert den echten Antisemiten also selbst die besten Argumente für ihren Judenhass. Sie können die israelische Unterdrückungspolitik zum willkommenen Vorwand nehmen, um Juden zu verteufeln. Würde Israel die Besatzung und die Unterdrückung der Palästinenser beenden, würde es diese Leute ihrer Argumente berauben und ihr wirkliches Weltbild bloßlegen. Israel selbst hat es also in der Hand, etwas gegen den Antisemitismus zu tun, hat aber offenbar gar kein Interesse daran.

 

 

Einer, der dieses Interesse Israels schonungslos offengelegt hat, ist der israelische Historiker Daniel Blatman von der Universität Jerusalem, der auch Direktor des Warschauer Ghetto-Museums ist, ein Mann, den man nun wirklich nicht in den Verdacht des Judenhasses bringen kann. Er lehnt den Begriff eines „neuen Antisemitismus“ ab und spricht von einem neuen „funktionalen Antisemitismus“, für den Israel nicht nur verantwortlich ist, sondern den es ganz bewusst selbst produziert: „Der traditionelle, vertraute Antisemitismus war gekennzeichnet durch eine vielfältige Feindseligkeit gegenüber Juden und Judentum, die Dämonisierung der Juden, die Beschäftigung mit ihren kollektiven Eigenschaften und ihren Geschäftsbeziehungen sowie Mythen und Stereotypen, die den Juden als inkarnierten Teufel darstellten. Der neue Antisemitismus der heutigen europäischen nationalistischen Populisten, deren Definition Deutschland übernommen hat, könnte als funktionaler Antisemitismus definiert werden. Er basiert auf dem Prinzip, dass jeder, den bestimmte Juden als antisemitisch definieren wollen, als solcher definiert wird.

 

 

Mit anderen Worten, es handelt sich nicht mehr um einen Antisemitismus, der zwischen Juden und Nichtjuden nach Kriterien wie Religion, Kultur, Nationalität oder Rasse unterscheidet, sondern um einen, der zwischen Antisemiten und Nicht-Antisemiten unterscheidet, nach Kriterien, die von der israelischen Regierung und von Juden und Nichtjuden, die ihn unterstützen, in Deutschland und anderen Ländern aufgestellt werden.

Was hier geschieht, ist nicht weniger als eine historische Revolution im Verständnis des Antisemitismus: Antisemitische Deutsche definieren nicht mehr, wer Jude ist, der aus der Gesellschaft verbannt werden muss, sondern bestimmte Juden definieren, wer ein Antisemit oder ein Philosemit ist, und die Deutschen nehmen ihre Meinung an. Funktionaler Antisemitismus definiert Juden und Nichtjuden gleichermaßen als Antisemiten, basierend auf einer Reihe von Eigenschaften, die dem aktuellen Nationalismus Israels entsprechen.“

 

 

Blatman spricht von „Hexenjagd“ in Deutschland auf Kritiker der israelischen Politik und schließt seine Ausführungen mit einer wenig schmeichelhaften Feststellung über die deutsche Politik in Bezug auf Israel – aufgehängt an dem BDS-Beschluss des Bundestages: „Es gibt eine bittere historische Ironie, jeden in Deutschland, der die gegenwärtige Politik Israels kritisiert, unterschiedslos als antisemitisch zu bezeichnen. So dient Deutschland dem brutalen rassistischen Konzept des Zionismus im heutigen Israel, so wie Deutschland früher [in der NS-Zeit] den Bedürfnissen des Zionismus diente, um den jüdischen Isolationismus zu fördern und zugleich so weit wie möglich auch die jüdische Auswanderung. [Er meint hier das Ha‘awara-Abkommen, das die Nazis 1933 mit den Zionisten geschlossen haben. Es sah vor, dass Juden, die auswandern wollten, ihr Vermögen zum Teil mitnehmen konnten.] Die Abgeordneten des Bundestages sind offenbar blind für den gewaltigen Unterschied zwischen der verzweifelten Situation der deutschen Juden in den 1930er Jahren und dem heutigen jüdischen Staat Israel.“ (Daniel Blatman: Vielleicht existiert, wenn es um Antisemitismus geht, kein anderes Deutschland? erschienen im Palästina-Portal am 3.07.2019)

 


 

Das sind Argumente, die deutsche Antisemitismusforscher (von Ausnahmen abgesehen) nicht einmal zu denken wagen. Sie kommen meistens nur zu dem Ergebnis, „dass die frühere Dämonisierung von Juden jetzt auf den Staat Israel übertragen wird.“ Eine wirkliche Antisemitismusforschung müsste also Tabus und Denkverbote überwinden, was heißt, klar zwischen Judentum, Zionismus und Israel (und in der Umkehrung zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an Israel) zu unterscheiden. Aber dass sie dazu den Mut aufbringt, ist nicht nur sehr unwahrscheinlich, es ist ganz ausgeschlossen. Man wird also weiter in der Tabu-Dunkelheit herumtappen und Scholastik betreiben. Das Geld für eine solche Forschung wäre an anderer Stelle sicher besser angelegt. 7.4.2020
 

 

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