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Die Nakba-Ausstellung – ein Ärgernis
für wen?
Abraham Melzer
Die Ereignisse, die zur Nakba führten,
werden inzwischen längst von Täterseite
und führenden israelischen Historikern
nicht mehr geleugnet. Das ist in
Israel auch kein Geheimnis mehr
und ist in öffentlichen Archiven
jedermann zugänglich. Sie gelten
als „historisch verbrieftes“ Material.
Es stellt sich daher die Frage warum
die Gegner der Ausstellung darin
eine „unlautere Indoktrination“
des Publikums sehen, wenn sogar
ein Wortführer der Gegner zugibt,
dass es stimmt, dass die Israelis
„Täter“ sind.
Es stellt sich also heraus, dass
die schwerwiegendste Anschuldigung,
die man der Nakba-Ausstellung macht,
der Vorwurf ist, sie sei „einseitig“.
Nun ist Einseitigkeit an und für
sich nichts Schlimmes oder Verwerfliches
und schon gar nicht etwas Verbotenes.
Die unzähligen Ausstellungen über
Israel oder über die Shoa, die von
jüdischen Gemeinden, Deutsch-Israelischen
Gesellschaften oder wer auch immer
im Nachkriegsdeutschland gezeigt
wurden, waren sicherlich auch „einseitig“
und mir ist nicht bekannt, dass
irgendwer jemals dagegen protestiert
hat. Wohl ist es allseits bekannt,
dass Neonazis zB gegen die Wehrmachtausstellung
protestiert haben, nicht zuletzt
mit genau demselben Vorwurf, wie
bei der Nakba-Ausstellung, nämlich
sie sei „einseitig“.
Für die Besucher ist die Einseitigkeit
einer Ausstellung vollkommen irrelevant,
er geht ja eh davon aus, dass zB
die Israelis ihre Sichtweise von
der Entstehung des jüdischen Staates
zeigen und erwarten von vornherein,
dass bei der Nakba-Ausstellung die
Palästinenser ihre Sichtweise zeigen.
So gesehen ist jede, ich betone,
jede Ausstellung einseitig. Nur
zionistische Israelis und Juden
erwarten von den Palästinensern,
dass sie den jüdisch-zionistischen
Standpunkt vertreten sollen. Dazu
sagte einst Jassir Arafat, dass
es nicht nützen würde seine Ernsthaftigkeit
zu demonstrieren, selbst wenn er
täglich die israelische Hymne Hatiqua
singen würde. In unserer multimedialen
Gesellschaft ist es aber jedem Interessierten
möglich sich auch von jeder anderen
Sichtweise zu überzeugen, sei sie
noch so einseitig. Einzig wichtig
ist die absolute Genauigkeit und
Wahrhaftigkeit der Verantwortlichen
für die Ausstellung und die Verlässlichkeit,
dass die gezeigten Fakten „historisch
verbrieft“ sind und es sich nicht
um eine Propagandaveranstaltung
handelt.
In den fünf, sechs Jahren in denen
die Nakba-Ausstellung nun gezeigt
und von immer denselben Gruppen
und Institutionen diffamiert und
mit Schaum vor dem Mund beschimpft
wird, ist es aber bis heute keinem
dieser Gegner gelungen oder auch
nur in den Sinn gekommen, auf sachliche
und fachliche Fehler hinzuweisen,
geschweige denn nachzuweisen, dass
es sich da um eine Propagandashow
handelt.
Statt zu diffamieren und die Macher
der Ausstellung mit Unrat zu begießen,
in der Hoffnung irgendetwas bleibt
haften, sollte endlich jemand auf
die angeblich abscheulichen anti-israelischen
Positionen in der Ausstellung konkret
und sachlich hinweisen. Man könnte
damit den Verantwortlichen der Ausstellung
Gelegenheit geben dazu, ebenfalls
sachlich, Stellung zu nehmen bzw.
diese Positionen zu korrigieren.
Wenn aber das Verwerflichste was
man der Ausstellung vorwerfen kann,
das ist, was Dominik Krause, Vorstand
der Grünen Jugend in München, in
einem Interview mit der AZ gesagt
hat: „Allein das Wort ´Nakba`, also
Katastrophe, zeigt, als was Israel
gesehen wird“. Wenn also allein
schon das Wort „Nakba“ eine antiisraelische
Gesinnung oder gar Antisemitismus
offenbart, wie ist es dann mit Worten
wie „Shoa, Jude oder Israel“? Was
für eine Gesinnung darf man hier
vermuten?
Leider bewegen sich fast alle Argumente
der Gegner dieser Ausstellung auf
diesem absurden Niveau. Noch bedauerlicher
ist es, dass die Presse in Deutschland
solchen naiven, wenn nicht gar zynischen
Argumenten Raum gibt. Dominik Krause
von den Grünen, wie so manche absonderliche
Kollegen aus anderen Parteien, hat
leider keine Ahnung vom Nahost-Konflikt,
aber diese gibt er unzensiert und
laut und mit der dazu gehörigen
Chuzpeh von sich.
Deutschland hat im hohen Maße zum
israelisch-palästinensischen Konflikt
beigetragen, indem es von 1933 an
Juden aus ganz Europa zur Emigration
nach Palästina veranlasst hat. Ich
erinnere nur an den Vertrag zwischen
den Nazis und dem zionistischen
Führer Arlosorov über die Überführung
jüdischen Eigentums nach Palästina.Und
die Juden aus Polen und anderen
Ländern sind schon vor dem Krieg
geflohen, weil sie genauso Angst
vor dem Krieg hatten, wie die Palästinenser,
die angeblich von den Israelis nicht
vertrieben wurden, sondern „freiwillig“
geflohen sind. Freilich, so freiwillig
wie die Juden.
Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands
hat die Bundesrepublik nichts getan,
um hunderttausende von heimatlosen,
vertriebenen Juden aufzunehmen und
kein Politiker, nicht einmal Konrad
Adenauer, hat die vertriebenen deutschen
Juden zur Rückkehr aufgefordert.
Stattdessen hat man sie nach Palästina
abgeschoben. Palästina aber war
„besetzt“, also mussten die Heimatlosen
und Vertriebenen ihrerseits die
Ortsansässigen, die schon seit Jahrhunderten,
wenn nicht Jahrtausenden, dort mit
ihren Familien lebten, vertreiben
und zu Heimatlosen und Vertriebenen
machen. Das ist die Tragik des Konflikts,
das Unrecht, dass bei der Entstehung
des Staates Israel geschah.
Israel hat von Deutschland materielle
und finanzielle Reparation erhalten,
die entscheidende Hilfe bei der
Schaffung und Entstehung des Staates
Israel waren. Den eigentlichen Preis
der „Wiedergutmachung“ aber zahlten
die palästinensischen Araber. Für
Deutschland war das nur ein gutes
Geschäft. Die Palästinenser mussten
einen jüdischen Staat hinnehmen,
der auf ihren verwüsteten Feldern
und ihre zerstörten Dörfer errichtet
wurde.
Das alles lässt sich nicht mehr
ungeschehen machen. Keiner will
das Rad der Geschichte zurückdrehen.
Aber erinnern an das, was einmal
war, wird doch erlaubt sein zumal
sich die Juden an Katastrophen heute
noch Jahr für Jahr erinnern, die
vor mehr als zweitausend Jahren
stattgefunden haben und weinen am
9. Av, als ob der Tempel in Jerusalem
erst gestern zerstört worden ist.
Was die Nakba betrifft, so leben
heute immer noch Opfer der ersten
Generation.
Wenn Deutschland und erst Recht
Israel schon keine Entschädigung
zahlen, dann sollten aber alle Bürger,
hier wie dort, alle Behörden, Politiker
und besonders die Presse, dafür
sorgen, dass die Palästinenser zumindest
in Ruhe, ungestört und von abscheulichen
Diffamierung geschützt, ihre Ansicht
ihrer Geschichte zeigen dürfen und
können. Leider weiß heute kaum noch
jemand, das 1952, als man in der
Knesset über die Wiedergutmachungsverträge
heftig und leidenschaftlich debattierte,
auch darüber gestritten wurde, ob
und wie man die Palästinenser entschädigen
sollte, nur für den Fall, dass man
von Deutschland tatsächlich die
Beträge an Wiedergutmachung bekommen
würde, die man gefordert hat. Aus
der Entschädigung der Palästinenser
ist nicht geworden. Es wurde auch
nie mehr darüber in der Knesset
debattiert und heute will keiner
mehr etwas von einer Entschädigung
der Palästinenser wissen.
Schließlich sei darauf hingewiesen,
dass unsere Verfassung, unser Grundgesetzt,
uns alle freie Meinungsäußerung
in Wort und Bild garantiert. Natürlich
bin auch ich dagegen, dass die garantierte
Freiheit von Nazis, Antisemiten
und Antidemokraten missbraucht wird.
Das kann man aber dieser Ausstellung
nicht vorwerfen und erst Recht nicht
nachweisen. Abraham Melzer Herausgeber
der jüdischen Zeitschrift SEMIT
Nakba-Ausstellung - Montessori-Fachoberschule
in München
Nakba Ausstellung Köln 11.6. 2012
Nakba-Ausstellung Düsseldorf 24.3.2011
Nakba Ausstellung Freiburg 12.11.2010
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