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Friedensdienst in den Besetzten Gebieten
Artikel aus LE PROTESTANT (Monatsschrift der Eglise Protestante de Genève / EPG)

vom 8. Oktober 2007 (Seite 6)

Claire-Lise Corbaz, Pastorin in Lausanne, verbrachte als Ökumenische Begleiterin und „Friedensbeobachterin“ für den Weltrat der Kirchen drei Monate in Hebron. An strategischen Punkten der Besatzung stationiert, bieten die Beobachter ihre schlichte Gegenwart um sich solidarisch zu erweisen, für die Rechte der Palästinenser einzutreten und den Machtmissbrauch durch die Besatzung abzuschrecken. Ein Blick auf die Erfahrungen in Hebron.

 

40 Jahre Besatzung

Im vergangenen Juni gedachte man des Sechs-Tage-Krieges, eines Konflikts, mit dem in Palästina eine unvorstellbar lange Besatzungszeit begann. Wer hätte damals gedacht, dass noch vierzig Jahre später das tägliche Leben unter so erschwerten Bedingungen stehen würde hinsichtlich der Mobilität, des einfachen Wunsches ein Haus zu bauen, in einer Moschee oder einer Kirche zu beten, den Acker zu bestellen, einen Arzt oder ein Krankenhaus aufzusuchen? Wer hätte damals gedacht, dass man nun in der ständigen Sorge leben müsse, tiefsten Demütigungen auszuweichen, der Gefangennahme oder den Schüssen des Militärs? Unter der Besatzung verlieren die Menschen jegliche Möglichkeit zu einer eigenen Lebensführung. Sie sind zu Gefangenen einer häufig willkürlichen Gesetzgebung geworden, die die Menschenrecht völlig missachtet.

Die Osloer Abkommen missachtend, die doch einen Stopp der illegalen Besiedlungsaktivitäten verordneten, werden ständig überall im Land neue israelische Siedlungen gegründet. Die ersten von ihnen wurden 1968 in Hebron gebaut. Und aufgrund der ethnischen Verflechtungen und der bedrängenden Dichte in dieser Stadt, in der jeder Palästinenser von den israelischen Siedlern als eine Bedrohung angesehen wird, ist sie voller Gewalt und Aggression.

 

Der Schulweg könnte einfach sein

Kurz nach Sieben schon sind Marwa und Sundus, von andern Kindern begleitet, unterwegs zu Schule. Zwei Check-Points bewachen das Kommen und Gehen in diesem von Siedlungen eingeschlossenen Viertel. Die beiden jungen Mädchen von 13 und 15 Jahren kennen den von Hindernissen nur so gepflasterten Weg auswendig. Mit einem Lächeln und einigen englischen Worten begrüßen sie die internationalen Beobachter, die die Straße beaufsichtigen. Aber sie bleiben gleichzeitig wachsam und gespannt bei jedem Schritt. Die von israelischen Siedler-Kindern geworfenen Steine und die von deren Eltern herausgerufenen Beschimpfungen bedrohen sie ständig, ohne hier noch weitere häufige Aggressionen zu nennen. Und dann sind da die israelischen Soldaten, die nach eigener Willkür oder auch auf Befehl ihre Forderungen gegenüber all denen verschärfen, die hier auf dem Weg zur Arbeit den Check-Point passieren müssen. Für diese beiden Mädchen sind die freien Tage ihrer Nachbarn -  Schabbat und Feiertage -  besonders riskant. Die Freiheit der Siedlerkinder verschafft denen unglücklicherweise den Freiraum, die anderen zu bedrängen: durch Vandalismus und Provokationen. Vor einigen Wochen wurde der Eingang ihrer Schule angezündet, zugleich mit dem Bild des Felsendoms (der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem), dem heiligen Ort ihres Gebetes, den die Muslime von Hebron eines Tages wieder aufzusuchen hoffen, wenn die Mauer, die sie jetzt gefangen hält, überwunden ist.

Wie soll ein Kind Vertrauen entwickeln und ein Gefühl des Geborgenseins, wenn der Alltag unter solcher Anspannung steht und ständig von Hinterhalt bedroht ist?

 

Hebron, eine begehrte Stadt

Als Ort der Gräber von Vorvätern und Vormüttern der drei großen monotheistischen Religionen ist Hebron ein besonderer Anziehungspunkt, sowohl für Juden als auch für Muslime (- es gibt nur drei christliche Familien in Hebron). Die israelischen Siedler aus den Vereinigten Staaten von Amerika oder aus Europa kommen jedoch in dieses Land beflügelt von der Auffassung, er gehöre nur ihnen, denn es sei ihnen von Gott versprochen worden. Dabei vergessen sie, daß das Land letztlich Gott selber gehört und dass nach der Bibel das „erwählte Volk“ vielmehr den Auftrag erhielt, ein Segen für alle Völker zu sein. Und dann wohnen in diesem Land zunächst die Palästinenser und weitere Völker, die es schon immer bewohnt haben.

Nichtsdestoweniger ist hier 1968 die erste Siedlung Kyriat Arba gegründet worden und bald darauf drei weitere, die nach und nach die Wohnviertel der Altstadt durchdrungen haben. Zielt das harte Leben, das die Siedler den Bewohnern von Hebron bereiten, darauf, sie zu zwingen, in andere - arabische - Länder des Mittleren Osten auszuwandern? Dies ist jedenfalls die perfide Botschaft, die manche Israelis – die übrigens selbst von ihresgleichen als Fanatiker angesehen werden –  in den palästinensischen Gebieten ausbringen.

Nach dem israelischen Einmarsch im Jahre 1997 lebt ein Fünftel der Stadt unter israelischer Autorität in extremer Spannung: aggressiver Übergriffe gegen Palästinenser, willkürlichem Machtgebrauch in den Kontrollen, der sowohl internationales Recht als auch die  Menschenrechte missachtet, Zerstörungen an Häusern, Niederreißen von Olivenbäumen, Vandalismus und Angriffe auf offener Straße; das israelische Militär ist allgegenwärtig in den 103 Häuserblöcken (Stacheldrahtverhaue, Check-Points, die Straße abriegelnde Betonmauern etc.). All dies lähmt auf mindestens eineinhalb Quadratkilometern das gesamte Leben.

 

500 Siedler, 2000 Soldaten

B’Tselem, das israelische Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten, hat 135 Siedlungen im Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalem, registriert. Damit leben also mehr als 400 000 Siedler in den palästinensischen Gebieten.

Im Herzen Hebrons sind drei Siedlungen gebaut worden, trotz der Verbote durch das Internationale Recht und die Vierte Genfer Vereinbarung, die vertragsmäßig festgesetzt hat, dass „eine Besetzungsmacht die Zivilbevölkerung des besetzten Territoriums weder deportieren noch umsiedeln darf“. Ungefähr 500 Siedler leben in diesen Gründungen. Um ihre Sicherheit zu gewährleisten hat Israel diesen Teil der Stadt (ein Fünftel) mit 2000 Soldaten ausgestattet. Viele Basarläden sind aufgrund militärischer Anordnungen geschlossen worden und andere haben dicht gemacht, weil es an Kunden fehlte, die es nicht mehr wagen, zum Einkaufen nach Hebron zu kommen. Das Ergebnis: 75 Prozent Arbeitslosigkeit in dieser alten Stadt, die seit jeher als blühendes Handelszentrum galt.

Im vergangenen März ist ein großes, dreistöckiges und in Restaurierung befindliches Haus von einhundert Siedlern besetzt worden, die zu Unrecht behaupteten, es gekauft zu haben. Selbst der Anordnung des Verteidigungsministers, Amir Perez, auf eine Räumung des Hauses, wurde durch die Israelis nicht Folge geleistet. Zwischen der Moschee und dem muslimischen Friedhof gelegen hat diese – ja keineswegs zufällig entstandene – Niederlassung schon viele Aggressionen der benachbarten Palästinenser geweckt. Trotz der Proteste der israelischen Friedensbewegung und einer Erklärung von Shimon Perez, der die Zustände in Hebron als „unerträglich“ beschreibt, haben die israelischen Politiker sich nicht gegen die ultra-religiösen und extremistischen israelischen Siedler in Hebron gewandt.

Der Tag ist noch fern, an dem Marwa und Sundus ihren Schulweg ohne extreme Wachsamkeit und ohne Angst im Bauch antreten können.

Übersetzung: Donata Dörfel, Genf

 

 

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