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Uri Avnery

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2. 9. 2018


Schach mit Arafat - Zum Tod des israelischen Journalisten und Friedensaktivisten Uri Avnery. - Uri Avnery, einer der ersten Israelis, die sich für einen palästinensischen Staat aussprachen, ist tot. Robert Fisk, der ihn persönlich kannte, schreibt von seinen Begegnungen mit diesem streitbaren, unermüdlichen, mutigen israelischen Linken - ein Nachruf, der keiner sein soll.

Uri Avnery - einer meiner wenigen Helden im Mittleren Osten - Robert Fisk - Irgendwie passte es, dass mir einer von Israels entschiedensten Gegnern, der libanesische Drusenführer Walid Jumblatt, als Erster von Avnerys Tod berichtete. Eine Legende, die die traurige Nachricht über eine andere Legende überbringt – ein Sozialist, der um einen Genossen zu trauern beginnt und sein Beileid >>>

Texte von Uri Avnery  >>>
 

 

 

VIDEO - Farewell ceremony from Uri Avnery
 

 

 

 

 

 

25. 8. 2018


 

Der israelische Friedensaktivist, der die feindlichen Linien überschritt und Generationen prägte

 Adam Keller - 22. August 2018

Adam Keller arbeitete 50 Jahre lang Seite an Seite mit Uri Avnery. Er erinnert sich daran, dass Avnery gehofft hat, ein israelischer und ein palästinensischer Präsident werden sich einmal herzlich umarmen.
 

Uri Avnery (Yossi Gurvitz)

Uri Avnery (Yossi Gurvitz)
 


Wie soll ich in wenigen Worten 50 Jahre politischer Partnerschaft zusammenfassen, die zugleich eine innige Freundschaft mit dem Menschen war, der den stärksten Einfluss auf mich ausübte?

Alles begann im Sommer 1969. Als Vierzehnjähriger aus Tel Aviv sah ich in dem Sommer, der zwischen meiner Grundschulzeit und meiner Zeit in der weiterführenden Schule lag, eine Anzeige in der Zeitung HaOlam HaZeh („diese Zeit“): Für das Wahlbüro der Partei HaOlam HaZeh – Koah Chadasch („Neue Kraft“) wurden ehrenamtliche Helfer gesucht. Ich ging hin. In einem kleinen Büro im Untergeschoss in der Glickson-Straße traf ich drei Jugendliche an, die Werbebroschüren in Umschläge steckten. Bis heute trägt mich der Geruch von frisch Gedrucktem in diese Zeit zurück. Zwei Stunden später hörten wir draußen ein Geräusch. Der Knesset-Abgeordnete Uri Avnery, der Mann, dessen Artikel uns ursprünglich in dieses Büro gelockt hatten, kam herein. Er kam von einer Wahlveranstaltung in Rischon LeZion zurück. Er wechselte ein paar Worte mit uns Ehrenamtlichen, dankte uns für unsere Hilfe und ging mit seinen Helfern in einen Versammlungsraum.


Damals bewog mich nicht Uri Avnerys Meinung über das Thema Palästina dazu, für den Wahlkampf zu arbeiten. Meine eigne Meinung über das Thema war noch nicht vollkommen ausgereift. Erst zwei Jahre zuvor, im Juni 1967, hatte ich mit vielen anderen daran teilgenommen, die Tatsache zu feiern, dass Israel sich in „neue Gebiete“ ausgedehnt hatte. Damals dachte ich nicht im Traum daran, dass ich schließlich den größten Teil meines Lebens damit verbringen würde, dafür einzutreten, dass sich Israel aus diesen Gebieten zurückziehen solle. Uri Avnerys Partei zog mich hauptsächlich deshalb an, weil sie eine junge, frische politische Partei war, die die alten, verfaulten Establishment-Parteien infrage stellte, und weil sie sich gegen religiösen Zwang wandte und sich für die Trennung von Religion und Staat einsetzte, öffentlichen Verkehr am Schabbat und die Zivilehe.   
(...)

Das Ende: Freitag, der 3. August 2018. Ich bin jetzt 63 Jahre alt. Als jahrelanger politischer Partner bekomme ich Uri Avnerys wöchentlichen Artikel jeden Freitag. Im Artikel dieser Woche schreibt er über das jüdische Nationalitätsgesetz und Israels nationale Identität: ist sie jüdisch oder israelisch? Er tritt entschieden dafür ein, sie sei israelisch. Wie schon oft zuvor schrieb ich ihm eine eMail, in der ich den Inhalt des Artikels kommentierte und einige grundsätzliche Einwände erhob. Er schlug mir vor, dass wir das nächste Mal, wenn wir uns träfen, darüber diskutieren sollten. Ich fragte nach seiner Meinung über den Protest gegen das Nationalitätsgesetz, das die Drusen-Gemeinschaft für den folgenden Tag organisiert hatte. Er sagte, er sei überzeugt, die Demonstration werde sich nicht auf die Ausnahmestellung der Drusen in der israelischen Gesellschaft oder auf die einzigartigen Rechte konzentrieren, die ihnen zugestanden werden, weil sie Militärdienst leisten, sondern bei der Demonstration werde es um das Grundprinzip der Gleichstellung aller Bürger gehen.    >>>

 

 

 

Meine Geschichte mit Uri - Ingrid von Heiseler - Der Anfang unserer Geschichte ist eine Geschichte ohne die Person Uri. Wann er mir zum ersten Mal seinen Wochenartikel direkt geschickt und dann meine Übersetzung korrigiert hat, kann ich mich leider nicht mehr erinnern (und auch das Gedächtnis meines Computers reicht nur bis 2014 zurück). Seit Februar 2012 bekam ich die Texte von der Website, die auf eine Probe von mir hin zu meinen Übersetzungen übergewechselt war. Ich meinerseits wechselte dann im Juli 2013 zur Website lebenshaus-alb. Michael Schmid hatte gefragt, ob er meine Übersetzungen bringen dürfe. Ich tauchte also einmal wöchentlich in Geschichte, Leben und Politik Israels ein. Ich lernte und freute mich an der liebevollen Ironie der Texte. Wie werden sie und die freundlichen Mails mir fehlen!

Im November 2016 flog ich zum ersten Mal nach Tel Aviv. Ich wollte Uri persönlich kennenlernen. Er lud mich an einem Schabbat in seine Wohnung ein. „Am Schabbat fahren keine Busse!“ Den Weg von meinem Hotel bis zur hohen breiten Treppe zur Gordon-Straße rauf führte am Strand lang. Von dort war es nicht mehr weit bis zu Uris Haus. Später erfuhr ich, dass er jeden Tag zum Sonnenuntergang zum Strand ging. Ich klingelte, Uri ließ die Haustür aufgehen und ich fuhr im winzigen alten Aufzug bis oben zu seiner Wohnung. Er öffnete mir die Wohnungstür und ich war gleich im großen hellen Wohnzimmer. Von meinem Sofa aus hatte ich einen freien Blick aufs Meer. Uri schob sich seinen Sessel heran und wir sprachen etwa eine Stunde lang sehr intensiv miteinander. Da merkte ich, dass er müde geworden sein musste. Ich fragte ihn danach und er sagte, nein, nein, er habe nur noch etwas zu tun. Er brachte mich zum Fahrstuhl und ich hatte plötzlich das Gefühl, ich könnte ihn zugleich zum ersten und letzten Mal gesehen haben. Da fragte ich ihn: Darf ich dich in den Arm nehmen? Ich durfte.

Ganz erfüllt von der Begegnung ging ich am Strand entlang zurück und ließ den Eindruck allmählich ausklingen.

Im November 2017 wollte Uri sich zu seinem täglichen Strandspaziergang mit mir treffen. Ich fragte ihn, ob ich ihn abholen dürfe. Im Wohnzimmer stand hinter dem frei im Raum stehenden Sofa ein riesiges frisches Blumenbouquet. Ich dachte: Das hat ein Bewunderer geschickt. Als ich es ansah, sagte Uri: Rachel hat Blumen geliebt.

Zum Strand gingen durch Nebenstraßen, über die wild befahrene HaJarkon-Straße und die lange breite Treppe runter. Uri sagte: „Ich kann nicht sagen, dass ich ganz gesund bin – aber ich habe Kraft.“ Er  führte  mich dann in ein Strandcafé mit einer langen schmalen Terrasse. Ich sollte mich neben ihn auf das Sofa setzen, damit wir beide aufs Meer sehen könnten. Uri sagte, wenn er deutsch spricht, dann bringt ihn das immer in seine Kindheit zurück. Ihm fielen Lieder von damals ein und wir sangen ein bisschen. Er singe ja ganz falsch, sagte er, aber das stimmte überhaupt nicht. Vom Ring des Polykrates kannte er nur eine Parodie und nicht den Titel, sodass er das Gedicht nicht hatte finden können. Ich versprach ihm, es ihm gleich vom Hotel aus zu schicken. Für manche Gelegenheiten hätte ich gerne ein Gedächtnis wie ein Tonband! Ohne das geht einfach viel zu viel verloren! Eine schöne junge Schwarze brachte Uri Kaffee und mir Orangensaft und Uri sagte: Sie ist wahrscheinlich eine von den vielen „Illegalen“ in Tel Aviv. Wir brachen dann gemeinsam auf. Am nächsten Tag sollte Uri in Jerusalem an einem Film über ihn mitwirken. Vor dem Café trennten sich unsere Wege und wir gingen in entgegengesetzten Richtungen auseinander. Dieses Mal hatte ich nicht das Gefühl, wir würden uns niemals wiedersehen – stattdessen fasste ich schon da den Entschluss, im nächsten Spätherbst wieder nach Tel Aviv zu fliegen.

Die Mailverbindung mit Uri funktionierte manchmal nicht gut. Dann sprang Beate von Gusch Schalom ein. Sie schrieb englisch und ich konnte ihr deutsch schreiben. Bei meinem ersten Aufenthalt nahmen sie und Adam sich gleich zweimal Zeit für mich. Wir hatten so viel zu erzählen, dass wir noch lange im Dunkeln an einem Holztisch auf Holzbänken auf dem Mittelstreifen eines der Boulevards saßen. Auch im Jahr darauf trafen wir uns. In diesem Spätherbst werden wir zusammen weinen.   

Uri Avnerys Artikel    Febr.2012 bis 4.8.2018  >>>

 

 


23. 8. 2018

 

Adam 23.8.2018 - Heute Nachmittag haben wir zum letzten Mal Abschied genommen. Im Saal, in dem Uris Sarg aufgestellt war, waren sehr viele Menschen. Fernsehkameras und Knessetabgeordnete verschiedener Parteien waren da, eine hochrangige Delegation von Palästinensern und viele Menschen, die Uri persönlich gekannt oder seine Artikel und Bücher gelesen oder von ihm gehört hatten. Sehr bewegende Ansprachen und Trauerreden wurden gehalten. Dann war es vorüber und der Leichnam wurde zur Verbrennung fortgebracht. Das hatte Uri bereits vor einiger Zeit festgelegt und vorbereitet. Seine Asche wird von seinen engsten Freunden am Strand von Tel Aviv, den er liebte, ins Meer gestreut. Niemals werden wir ihn wieder auf dem Weg zum Strand treffen oder seine Stimme hören oder einen neuen Artikel von ihm lesen! Aber wir werden auch ohne ihn seine Arbeit, so gut wir können, fortsetzten, wie er es sich von uns gewünscht und erwartet hat, denn es ist ja auch unsere eigene Sache. 

Wir danken den vielen, die uns in dieser traurigen Stunde unterstützt und ihr Beileid ausgesprochen haben. Bitte verzeiht uns, dass wir nicht allen persönlich danken konnten – die Flut war viel zu überwältigend.  Adam Keller - Beate Zilversmidt -  Im Namen des Gusch-Schalom-Teams
übersetzt von Ingrid von Heiseler

 

 

 

22. 8. 2018

Analyse - Wie der Hauptverfechter der Zweistaatenlösung Uri Avnery das Fundament für den politischen Dissens in Israel legte

Uri Avnery mag als Politiker und Besitzer einer Zeitung gescheitert sein, aber er legte das Fundament für einen kämpferischen Journalismus in Israel und war für die zerbrechliche und begrenzte Demokratie des Landes unbedingt notwendig - Anschel Pfeffer -  20. August 2018

Uri Avnery, der in der letzten Nacht in Tel Aviv starb, scheiterte in seiner Berufslaufbahn in deutlich erkennbarer Weise.

Als Journalist hielt er vier Jahrzehnte lang die Wochenzeitung Ha’Olam Ha’Ze („Diese Welt“) am Leben – die meiste Zeit mit lebenserhaltenden Maßnahmen. Es gelang ihm nicht, in den Mainstream zu gelangen: auf dem Höhepunkt der Zeitung wurden tausend Exemplare verkauft. 1990 verkaufte er die Zeitung an einen rechtsgerichteten Geschäftsmann, der die Zeitung nach drei Jahren einstellte.

Die politischen Parteien, die er gründete oder denen er beitrat, waren noch kurzlebiger und die linke Bewegung Gusch Schalom (Friedensblock), die Avnery 1993 gründete, gibt es zwar noch, aber sie war niemals besonders einflussreich auf dem Gebiet, auf dem sich die  israelischen Friedensorganisationen drängeln.

Aber Avnery spielte eine wichtige Rolle. Nach fast sieben Jahrzehnten als Schriftsteller, Journalist und Aktivist hinterließ er in der israelischen Politik Zeichen mit anhaltender Wirkung, und zwar stärkere als viele viel erfolgreichere Politiker und Zeitungsherausgeber jemals in ihrem Leben hinterlassen werden.

Als der Mann, der vierzig Jahre lang Ha’Olam Ha’Ze repräsentierte, war er nicht nur ein Lehrmeister für eine Generation von Journalisten - die dann in „respektableren“ Nachrichtenorganisationen arbeiteten – im Hinblick darauf, wie sie beharrlich die Herrschenden konfrontieren sollten, sondern er setzte auch über Jahrzehnte hinweg Maßstäbe, die eine große Anzahl anderer israelischer Medien übernahmen.

 

   Uri Avnery 1923 - 2018-08-21

   1923
   wurde er als Helmut Ostermann in Deutschland geboren.

   1933
   wandert er mit seinen Eltern ins Mandatsgebiet Palästina ein.

   1948
   wird er im Unabhängigkeitskrieg schwer verwundet.

   1950
   kauft er die Wochenzeitung Ha’Olam Ha’Ze und macht sie zu einer
   Anti-Establishment-Publikation.

   1965
   wird er als Führer der radikalen Bewegung Ha’Olam Ha’Ze- Koah,
   Chadasch in die Knesset gewählt.

   1982
   begegnet er als erster Israeli Jasser Arafat.

   1993
   gründet er die Friedensbewegung Gusch Schalom.

 

Der heutige israelische Journalismus ist – weitgehend dank Avnerys Beispiel - kämpferisch und konträr. Auch wenn viele Journalisten nicht bei Avnerys Zeitung hätten arbeiten wollen, sondern gute Bezahlung und guten Ruf in stabileren Einrichtungen vorzogen, wollten sie doch wie Ha’Olam Ha’Ze-Reporter schreiben. In den 1950er und 1960er Jahren war es die einzige Zeitung, die seriösen Enthüllungsjournalismus betrieb. Ihr Angriffsziel war nicht nur die Mapai (Arbeitspartei)-Regierung und ihre Kumpane in der Wirtschaft, sondern auch der Sicherheitsapparat – was zwei Jahrzehnte lang undenkbar gewesen war.

Das Motto von Ha’Olam Ha’Ze war: „ohne Furcht und ohne Begünstigung“. Die Zeitung hielt sich nicht immer an die herrschenden Regeln. Avnery beschloss, dem Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin 1977 keinen Schaden zuzufügen, und er war dafür, Einzelheiten der illegalen Bankkonten des Ehepaars Rabin nicht zu veröffentlichen (die wurden veröffentlicht, nachdem Dan Margalit, der seine Berufslaufbahn bei Ha’Olam Ha’Ze begonnen hatte, sie in Haaretz veröffentlicht hatte).

Aber vor allen anderen hatte Avnerys Zeitung eine heilige Kuh geschlachtet und damit der neuen Generation israelischer Journalisten seit 1973 ein Beispiel gegeben. Das war in der Zeit nach dem Jom-Kippur-Krieg, als auch die übrigen Medien unangenehme Fragen stellten. Die meisten heutigen Journalisten begannen ihre Berufslaufbahn, als es Ha’Olam Ha’Ze schon nicht mehr gab, aber immer, wenn sie versuchen, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, haben sie Avnery zu verdanken, dass er ihnen den Weg dazu zeigte.

Während seine politische Laufbahn als Knesset-Abgeordnete diskontinuierlich war und er zu radikal, zu geradeheraus, zu selbstbezogen war, um einer der verehrten Führer der israelischen Linken zu werden, tat er doch mehr als jeder andere dazu, dass die Zwei-Staaten-Lösung zum akzeptierten Rezept zur Beendigung des Konflikts zwischen Israeli und den Palästinensern wurde. Als in den letzten Jahren viele, die ihn bewunderten, den Glauben an die Zwei-Staaten-Lösung verloren und die Einstaat-Idee zu unterstützten, lehnte er sie ohne Zögern ab. Er sagte, sowohl Israelis als auch Palästinenser seien zu „nationalistisch“, als dass ein solcher Staat in absehbarer Zukunft möglich wäre.

Ein ausländischer Journalist fragte mich heute, warum Avnery so viel Anerkennung dafür bekomme, dass er die Zwei-Staaten-Lösung vorangetrieben hat, da die doch schließlich die Grundlage der ursprünglich 1947 von den UN verabschiedeten Teilungs-Resolution war. Viele bedenken nicht, dass 1949, nachdem Israels Unabhängigkeitskrieg vorüber und die meisten arabischen Bewohner des Mandatsgebietes Palästina in alle Winde zerstreut waren, von einem künftigen palästinensischen Staat nicht mehr die Rede war. Und zwar weder in der israelischen Gesellschaft noch auch auf arabischer Seite. Das Westjordanland wurde von Jordanien und Gaza von Ägypten beherrscht. Keines der beiden Länder machte Anstalten, die Souveränität der Palästinenser in ihrem Teil zu unterstützen.

Seit den 1950er Jahren, also lange bevor es auf israelischer Seite – nicht einmal bei den Linken - Mode wurde, von einem Staat Palästina zu sprechen, unterstützte Avnery eine Zwei-Staaten-Lösung.

In einer Generation, in der die Palästinenser als von der übrigen arabischen Nation nicht zu unterscheiden wahrgenommen wurden, war Avnery auf einer tieferen Ebene die einzige Gestalt in der israelischen Öffentlichkeit, die Israelis dazu aufrief, die Palästinenser als eine eigene Nation zu sehen, die neben ihnen lebte. Und zwar tat er das in seinem zweiten Buch über den Unabhängigkeitskrieg Die Kehrseite der Medaille. Während sein erstes Buch In den Feldern der Philister (1948) zum gefeierten Bestseller geworden war, wurde sein zweites Buch von vielen verunglimpft. Avnery behauptete, David Ben Gurions Regierung habe versucht, die Veröffentlichung zu verhindern und das mit Papierknappheit begründet.

Als Avnery einmal zusammenfassen über sein Leben sprach, sagte er unter anderem: „Ich wurde niemals verhaftet.“ Aber das geschieht nur wenigen jüdischen Dissidenten in Israel. Avnery sollte auf andere Weise eingeschüchtert werden, unter anderem durch Attentate von anonymen Schlägern. In einer Zeit, in der der Einsatz von Schin Bet für politische Zwecke der Regierung wieder auf der Tagesordnung steht, ist es wert, daran zu erinnern, dass der Schin Bet unter Ben Gurion dafür eingesetzt wurde, Avnery und Ha’Olam Ha’Ze zu überwachen. Zwei Jahre lang in den späten 1950er Jahren stand der Geheimdienst sogar hinter der Veröffentlichung von Rimon, einer konkurrierenden Wochenzeitung, mit der man versuchte, Ha’Olam Ha’Ze´das Wasser abzugraben.

Avnerys Zeitung gehörte niemals zu den israelischen Mainstream-Medien. Diese standen, auch wenn sie kämpferisch waren, für seinen Geschmack dem Establishment zu nahe. Er konnte sich auch in keine politische Partei einfügen. Er war zu radikal für die bequeme israelische Linke und er konnte nicht als Mitglied des anti-zionistischen Lagers betrachtet werden - obwohl er Jasser Arafat besuchte, als das nach israelischem Recht noch illegal
war -, denn er glaubte nie, dass die Errichtung des jüdischen Staates ein Übel gewesen sei noch verwarf  er dessen Gründungsprinzipien.

Im letzten Interview, das Avnery den israelischen Medien im April gab, sagte er: „der Staat Israel wird weitere fünfzig Jahre bestehen, weil man heutzutage Staaten nicht mehr vernichten kann. Eine andere Frage ist, ob es ein Staat sein wird, in dem es wert ist zu leben oder auf den man stolz sein kann.“ Aber er blieb optimistisch (das ist der Titel seiner Autobiografie). Er glaubte, dass Israelis und Palästinenser schließlich eine bessere Zukunft werden aufbauen können.

In einer seiner letzten Kolumnen für Haaretz wies er die Vorstellung zurück, dass die BDS-Bewegung oder irgend ein anderer Druck von außen dazu beitragen könnten, den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu lösen. „Ich verwerfe das Argument vollkommen, dass es nichts gebe, was wir selbst zur Rettung des Staates tun könnten, und dass wir es Ausländern überlassen müssten, diese Aufgabe an unserer Stelle zu erfüllen. Israel ist unser Staat. Wir sind verantwortlich für ihn.“

Avnery wurde niemals verhaftet. Er war zu jüdisch, zu aschkenasisch, er hatte zu viel von einem Kriegshelden und war zu sehr Teil der Tel Aviver Gesellschaft. Aber er legte das Fundament für politischen Dissens wenigstens von Menschen seines eigenen privilegierten Teils der israelischen Gesellschaft. Schließlich war das sein größter Beitrag zu Israels zerbrechlicher und begrenzten Demokratie.  
Quelle   übersetzt von Ingrid von Heiseler

 

 

 

 

21. 8. 2018

Die Stimme des „anderen Israel“

Mit Uri Avnery verstarb ein unermüdlicher und radikaler Kämpfer für die Versöhnung mit den Palästinensern und für einen Frieden im Nahen Osten

Arn Strohmeyer

Wenn man Israel und seine inhumane, ja verbrecherische Politik gegenüber den Palästinensern scharf kritisiert, dann darf man nie vergessen, dass es auch das „andere Israel“ gibt: Stimmen der Menschlichkeit und politischen Vernunft. Dazu gehörte früher vor allem der große Universalgelehrte Yeshajahu Leibowitz, ein früher Warner vor der  Besatzungspolitik, der immer wieder darauf hinwies, dass Israel mit der dauernden Okkupation der palästinensischen Gebiete zum Polizeistaat werden würde, außerdem prägte er den brisanten Begriff „Nazi-Juden“ für die orthodoxen Siedler im Westjordanland.

Heute muss man im Zusammenhang des „anderen Israel“ vor allem die Namen Gideon Levy, Amira Hass, Ilan Pappe, Avi Shlaim, Shlomo Sand, Moshe Zuckermann, Shlomo Sand, Jeff Halper, David Grossman, Amos Oz, Eva Illouz und Daniel Barenboim neben anderen nennen. Sie alle stehen für einen menschlichen und versöhnenden Kurs der israelischen Politik, aber sie sind in der gegenwärtigen Netanjahu-Ära einsame Rufer in der Wüste mitten im sie umgebenden zionistischen Mainstream. Ja, sie müssen zur Zeit damit rechnen, als „Verräter“ an den Pranger gestellt zu werden.

Der amerikanisch-jüdische Publizist und Verleger Adam Shatz hat 2004 in New York ein Buch mit dem Titel „Prophets Outcasts. A Century of Dissident Jewish Writing about Zionism and Israel“ herausgebracht (deutsch: „Prophetische Außenseiter. Ein Jahrhundert des Schreibens jüdischer Dissidenten über den Zionismus und Israel“). Darin findet man Texte großer und bedeutender jüdischer Intellektueller, unter anderem von Sigmund Freud, Martin Buber, Albert Einstein, Hannah Arendt, Leon Trotzky, Isaac Deutscher, Noam Chomsky, Yeshajahu Leibowitz, Yehudi Menuhin, Judith Butler, Tony Judt und Brian Klug. In dieser auserlesenen Gesellschaft ist natürlich auch Uri Avnery vertreten – mit einem Essay aus dem Jahr 1968 mit dem Titel „Pax semitica“ aus seinem Buch „Israel ohne Zionismus. Ein Friedensplan für den Nahen Osten“.

Bei diesem Plan handelte es sich um ein Konzept, die Semiten des Nahen Ostens – also Araber und Juden – in einer Staatengemeinschaft zusammenzuführen, um so Annäherung und letztlich Frieden zwischen den Todfeinden zu erreichen. Unnötig zu sagen, dass dieser Aufruf folgenlos verhallte – wie andere Vorschläge von Avnery auch. Schon 1958 hatte er mit politischen Freunden ein „Hebräisches Manifest“ veröffentlicht, das den Staat Israel aufforderte, sich als säkulare Demokratie zu verstehen und als solche sollte Israel dann vor allem die Dekolonisierung (also den Kampf der Befreiungsbewegungen) in der „Dritten Welt“ unterstützen.

Auch dieser Vorschlag blieb ohne Widerhall, was aber nicht heißt, dass Uri Avnery mit seinen Anregungen, Plänen und Warnungen falsch lag, ganz im Gegenteil. Wie im Titel von Katz‘ Buch hatten seine Einmischungen immer etwas Prophetisches. Und diese Prophetien waren keine Phantastereien, sie enthielten immer einen sehr realistischen Kern Wahrheit und eine ebenso realistische Zukunftsperspektive. Hätte die israelische Politik sie befolgt, steckte sie heute nicht in einer so aussichtslosen Sackgasse: Israel ist ein zionistischer siedlerkolonialistischer Apartheidstaat geworden, der keinen Frieden mit seinen Nachbarn will (oder anders gesagt: nur einen Frieden zu seinen Bedingungen) und ausschließlich auf militärische Gewalt setzt.

Wie weit der „Prophet“ Uri Avnery mit seinem politischen Denken stets seiner Zeit voraus war, belegt auch sein Offener Brief nach dem Krieg von 1967 an den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Levy Eshkol, in dem er vor der dauernden Besetzung der neu eroberten Gebiete Westjordanland und Gazastreifen warnte und forderte, dort einen unabhängigen Palästinenserstaat zu schaffen. Eshkol warf dieses Schreiben gleich in den Papierkorb und hielt Avnery keiner Antwort für würdig. Prophetisch war auch sein früher Kontakt zum PLO-Vorsitzenden Jassir Arafat. Über die Freundschaft, die sich aus diesem Kontakt entwickelte, hat er ein Buch geschrieben, das den bezeichnenden Titel trägt: „Mein Freund der Feind“. Man muss wissen, dass Avnery Kontakt zu Arafat aufnahm, als in Israel solche Begegnungen mit Vertretern der PLO noch unter Strafe standen. Ohne diesen Kontakt wäre es Anfang der 90er Jahre kaum zu den Oslo-Verträgen zwischen Israel und der PLO gekommen – so kritisch man dieses Abkommen heute auch sehen muss.

So war Uri Avnery immer ein „Outcast“ im besten Sinne. Aus Deutschland, wo er 1923 in Beckum geboren wurde, musste seine Familie 1933 nach Palästina fliehen. „Der Zionismus hat unser Leben gerettet“, schrieb der später, um gleich hinzuzufügen: „Ich habe das niemals vergessen, als ich später ein Nicht-Zionist (non-Zionist) und vielleicht sogar ein Anti-Zionist wurde.“ Daran änderte auch die kurze Episode des 17jährigen als Mitglied in der zionistischen Terrororganisation Irgun nichts, vermutlich hat gerade diese Zeit ihm die Augen geöffnet.

Das politische Leben dieses „Outcast“ hatte noch viele Stationen: Soldat im Krieg von 1948 mit schwerer Verwundung; Gründer und Herausgeber des wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazins „Haolam Hazeh“, das dem deutschen SPIEGEL ähnelte [Avnery war mit dessen Herausgeber Rudolf Augstein In Hannover in dieselbe Klasse des Gymnasiums gegangen), das viele politische Skandale in Israel aufdeckte; als charismatischer Journalist, Autor und Redner zog er 1965 auch als Abgeordneter ins israelische Parlament (der Knesset) ein – „zu jedermanns Überraschung, am meisten zu meiner eigenen“, wie er schrieb; 1984 gründete er die „Progressive arabisch-jüdische Liste für Frieden“, eine politische Bewegung, in der Araber und Juden völlig gleichberechtigt kooperieren sollten. Es war wieder eine prophetische Aktion, wenn man an das jetzt von der Knesset verabschiedete „Nationalstaatsgesetz des jüdischen Staates“ denkt, das die Diskriminierung der in Israel lebenden Palästinenser (20 Prozent der Bevölkerung) offiziell festschreibt und Israel damit zum Apartheidstaat macht.

Seine letzten Jahre hat Avnery der Friedensarbeit in der von ihm gegründeten Gruppe „Gush Shalom“ und dem Schreiben gewidmet. In seiner wöchentlichen Kolumne und seinen Büchern, die auch in Deutschland ein großes Leserpublikum fanden, kritisierte er die verhängnisvolle Politik seines Staates ohne Scheuklappen und Tabus und vermittelte dem deutschen Publikum ein ganz anderes Bild von Israel, als es in den zumeist völlig unkritischen und in dieser Hinsicht so gut wie gleichgeschalteten deutschen Medien vermittelt wird. Und vor allem wurde er nicht müde zu sagen: Natürlich gibt es nach wie vor überall und auch in Deutschland den alten Antisemitismus, aber der Hauptgrund für Antisemitismus in der Welt von heute ist die barbarische Politik Israels gegenüber den Palästinensern: „Israel ist heute ein Labor für die Schaffung von Antisemitismus in der Welt“, schrieb er.

Immer wieder hat er auch versichert, dass er fest daran glaube, noch zu seinen Lebzeiten die Schaffung eines gerechten Friedens in Palästina zu erleben – und das war für ihn die Zwei-Staaten-Lösung. Das war ihm aber nicht mehr vergönnt. Dennoch blieb er was die Zukunft angeht – sehr erstaunlich in einem Staat wie Israel! – ein unerschütterlicher Optimist. Der von ihm verfasste Satz „Der Intellekt mag pessimistisch sein, der Wille bleibt optimistisch!“ kann als Motto über seinem ganzen politischen Leben stehen.

Ich muss in diesem Nachruf noch ein persönliches Erlebnis anfügen. Vor einigen Jahren schaute ich eines Samstagsnachmittags auf dem Bremer Marktplatz einem Straßenkünstler zu – einem sehr witzigen Clown, dessen Späße eine große Menschenmenge angelockt hatte, die sich im Kreis um ihn geschart hatte. Plötzlich erblickte ich auf der gegenüberliegenden Seite Uri Avnery und seine Frau Rachel (er weilte auf Einladung von Radio Bremen zu Vorträgen in der Stadt). Da stand dieser große „Prophet Outcast“ und bog sich vor Lachen über die Possen und den Schabernack dieses Straßenclowns.

Ich habe mich dann geärgert, dass ich ihn nicht angesprochen und um ein Interview gebeten habe. Aber ich habe das später telefonisch nachgeholt. In diesem Interview sagte Avnery die prophetischen und hoch aktuellen Sätze: „Ich halte den Iran für eine friedliche Macht, die Mullahs wollen mit Sicherheit keinen Krieg, das kann nicht in ihrem Interesse liegen. Wenn Israel aber den Iran angreifen sollte [was Netanjahu immer wieder angedroht hat], wird der ganze Nahe Osten in Flammen stehen, und auch die Existenz Israels wird in höchstem Maße gefährdet sein.“ Diese Aussage ist fast so etwas wie ein Testament dieses großen jüdischen Weltbürgers.   - 20.08.2018

 

 

Uri Avnery, der führende linke Publizist Israels, starb im Alter von 94 Jahren nach einem Schlaganfall
 Abraham Melzer

 Uri war ein Freund und nachdem Felicia Langer erst vor kurzem von uns gegangen ist, sind zwei Stimmen, die seit mehr als 40 Jahren Israels Gewissen waren, verstummt. Ich werde sie nie mehr anrufen und um Rat fragen können.

Avnery wurde in Deutschland geboren und kam nach dem Aufstieg Adolf Hitlers zur Macht, Im Januar 1933, mit seinen Eltern nach Palästina. 1938, als er 15 Jahre alt war, schloss er sich der revisionistischen Untergrundorganisation „Etzel“ an (die man auch Irgun nannte) und blieb dort 4 Jahre. Er verließ den Untergrund und meldete sich 1948 bei der neu gegründeten israelischen Armee. Während seiner Zeit dort schrieb er Reportagen und Tagesberichte für die Zeitung Haaretz, bevor er schwer verwundet wurde.

Diese Reportagen erschienen später als Buch und wurden Bestseller in Israel. Manche Leser verstanden aber Avnerys Absicht nicht und meinten es handelt sich um ein Heldenepos. So schrieb er unmittelbar ein zweites Buch, in dem er über die Grausamkeiten des Kriegs berichtete, auch Grausamkeiten seitens der jüdisch-israelischen Soldaten. Dieses Buch wurde zum damals größten Skandal im noch jungen Staat. David Ben-Gurion hat getobt und dafür gesorgt, dass keine zweite Auflage erscheinen konnte, da der Staat kein Papier zur Verfügung gestellt hat.

1950 erwarb Avnery die Wochenzeitung „Haolam Hase“ (Diese Welt) und sein Motto hier war fortan: Ohne Furcht – ohne Überheblichkeit. Damit beschrieb er den Geist und die Linie seiner Zeitung. Avnery wurde ein linker Publizist, der neben Klatsch und Tratsch und manchmal Sex, auch investigativ gearbeitet hat und viele Affären und Skandale offenlegte, die das Leben in Israel stark beeinflusst haben.

Er war der erste, der offen die Aufhebung der Militärverwaltung über die palästinensischen Ortschaften gefordert hat, und die Trennung von Religion und Staat. Letzteres ist ihm aber nicht gelungen. Wegen Uri Avnery sind in Israel diverse Gesetze erlassen worden, deren Ziel es immer wieder war, ihn und seine Zeitung zum Schweigen zu bringen. Und um mitreden und entscheiden zu können, wendete er sich der Politik zu, gründete eine Partei und wurde in die Knesset gewählt, wo er 10 Jahre als Abgeordneter für Unruhe sorgte. Er wurde oft ausgepfiffen und zuweilen gesperrt. Er wurde auch mehrmals körperlich angegriffen und verletzt. Er hatte zwar viele Anhänger, aber leider noch mehr Gegner, die sich nicht scheuten Gewalt anzuwenden.

Nach dem 6-Tage Krieg war Avnery einer der ersten, der die Regierung aufgefordert hat, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen und die Entstehung eines unabhängigen palästinensischen Staates zu ermöglichen.

Auf dem Höhepunkt des Libanonkrieges von 1982 schmuggelte er sich in das belagerte Beirut ein und traf Jassir Arafat. Darüber schrieb er sein bewegendes Buch: Mein Freund – mein Feind. Mit der Zeit wurde seine Verbindung zu Arafat, den er sehr schätze, sehr eng, und er war auch einer der wenigen Israelis, die beim Begräbnis dabei sein durften.



Avnery war aktiv in mehreren Gruppen, die eine israelisch-palästinensische Zusammenarbeit propagierten. Er war ein Mitbegründer von Gush Shalom und ein glühender Unterstützer der Idee eines palästinensischen Staates, das heißt, der Zwei Staaten Lösung.

Bis zuletzt führte Avnery seine Arbeit weiter. Er stand 1999 an der Spitze einer Delegation, die Feisal Husseini eine Petition überreichte, die das Recht des palästinensischen Volkes anerkannte, einen eigenen Staat auf dem Gebiet der Westbank, Gaza und Ost Jerusalems zu gründen. Darüber wird aber bis heute gestritten. Avnery war gegen eine Trennmauer und beteiligte sich an zahlreichen Demonstrationen gegen die Errichtung einer solchen.

2004 erhielt er den israelischen Sokolov Preis für hervorragenden Journalismus. Er kämpfte bis zuletzt gegen die israelische Apartheid Politik und hörte auch nicht auf seine wöchentlichen Kolumnen zu schreiben. Er sagte einmal im Spaß, aber es war ernst gemeint, dass wenn irgendwann seine Kolumne am Freitag nicht erscheinen wird, dann kann man davon ausgehen, dass er tot sei.

Jetzt werden wir seine wunderbaren, klugen Texte nicht mehr lesen. Uri ist tot. In der Geschichte des Staates Israel wird Uri Avnery als jemand gedacht werden, der die Zukunft vorausgeahnt und den Weg dorthin, den andere nicht sahen, aufgezeigt hat. Am Ende aber, werden die Netanjahus und wie sie alle heißen, all seine Gegner, diesen Weg gehen müssen – da Israel keine andere Wahl hat, wenn es überleben will.

 


 

 

 

 

Gusch Schalom: Avnerys Widersacher werden schließlich doch in seine Fußstapfen treten müssen - Gusch Schalom beklagt und betrauert den Tod seines Gründers Uri Avnery. Bis zu seinem letzten Augenblick setzte er den Weg fort, den er seit Jahrzehnten gegangen war. Am Samstag vor zwei Wochen brach er in seiner Wohnung zusammen, als er gerade im Begriff war, zum Rabin-Platz aufzubrechen, um dort an einer Demonstration gegen das „Nationalitätsgesetz“ teilzunehmen. Das war ein paar Stunden, nachdem er einen scharfen Artikel gegen dieses Gesetz veröffentlicht hatte.

Avnery widmete sich ganz und gar dem Kampf für einen Friedensschluss zwischen dem Staat Israel und dem palästinensischen Volk in einem unabhängigen Staat. In gleicher Weise widmete er sich einem Friedensschluss zwischen Israel und der arabischen und muslimischen Welt. Er kam nicht bis ans Ende dieses Weges, er hat nicht mehr erlebt, dass Frieden geschlossen wird. Wir – die Mitglieder von Gusch Schalom ebenso wie sehr viele andere Menschen, auf die er direkt oder indirekt Einfluss ausübte – werden seine Mission fortführen und sein Gedächtnis in Ehren halten.

Am Tag von Uri Avnerys Tod nahm die am stärksten rechts gerichtete Regierung, die Israel in seiner Geschichte jemals hatte, Verhandlungen mit der Hamas auf. Ironischerweise werden jetzt dieselben demagogischen Anschuldigungen, mit denen Uri Avnery überschüttet wurde, gegen den Verteidigungsminister Avigdor Lieberman erhoben.

In die Geschichte des Staates Israel wird Uri Avnery als weit vorausblickender Visionär eingehen, der einen Weg wies, den andere nicht sahen. Es ist das Schicksal und die Zukunft des Staates Israel, mit seinen Nachbarn in Frieden zu leben und sich in die geografische und politische Region zu integrieren, in der es liegt und zu der es gehört. Avnerys stärkste Widersacher werden schließlich doch in seine Fußstapfen treten müssen, denn dem Staat Israel bleibt nun einmal nichts anderes übrig.
Contact: Adam Keller, Gusch-Schalom-Sprecher +972-(0)54-2340749   Quelle Übersetzt von Ingrid von Heiseler
 

 

Uri Avnery (links) marschiert neben seiner Frau Rachel während einer Gush Shalom Rallye.  (Oren Ziv / Activestills.org)

Uri Avnery mit seiner Frau Rachel

 

 

Uri Avnery" Ich möchte, dass Israel ein normaler Staat wird"  - 30.04.2015 - Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery hat die deutsche Nahost-Politik scharf kritisiert. "Deutschland könnte eine wichtige Rolle spielen für den Frieden zwischen Israel und Palästina, tut es aber nicht, denn sie sind so extrem proisraelisch", sagte Avnery im Deutschlandfunk. Darunter leide das palästinensische Volk. - Uri Avnery im Gespräch mit Birgit Wentzien >>>

 

 

 

 
 

Zum Tod von Uri Avnery - Unermüdlicher Friedenskämpfer - Susanne Knaul - Als erster jüdischer Israeli traf er 1982 Arafat. Sein Ziel: eine Zweistaatenlösung. Die Hoffnung auf Frieden gab er bis zu seinem Tod nicht auf.

Er war gerade 77 geworden, als Uri Avnery vom Rednerpult bei einer Demonstration in Tel Aviv kundtat, dass er nicht vorhabe zu sterben, bevor es Frieden gäbe. Daran scheiterte er zwar, trotzdem hinterließ er tiefe Spuren. Am 20. August starb Israels unermüdlichster Friedensaktivist im Alter von 94 Jahren in Tel Aviv. Gesundheitlich war er bis kurz vor Schluss fit, und auch äußerlich schien er seit Jahrzehnten kaum gealtert zu sein. Mit seinen vollen hellgrauen Haaren und dem Bart konnte man ihn schon von weitem erkennen, wenn er flotten Schrittes ums Haus spazierte, am liebsten mit deutschen Militärmärschen oder englischen Volksliedern in den Kopfhörern.

Avnery liebte es, heilige Kühe zu schlachten, mit Konformgedanken zu brechen und bisweilen auch Gesetze zu ignorieren. Als erster jüdischer Israeli traf er 1982 noch während des Krieges zwischen Israel und dem Libanon den Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation Jassir Arafat in Beirut.

Arafat unterbrach ihn damals noch mitten im Satz: „Ein Staat“, so lautete das Ziel der PLO damals noch. Avnery war hingegen Zionist. Ihm schwebte die Zweistaatenlösung vor: Israel und Palästina in friedlicher Nachbarschaft.  >>>

 

 

 

 

 

20. 8. 2018

Uri Avnery hat uns verlassen

geboren am 10. September 1923
gestorben am 19. August 2018






Zum Tod von Uri Avnery - Radikal bis zum Schluss - Er ging mit Rudolf Augstein zur Schule, floh vor den Nazis nach Palästina - und kämpfte erst gegen, dann für die Araber. Der israelische Aktivist, Politiker und Journalist Uri Avnery lebte ein extremes Leben. - Von Dominik Peters - Die Erbfeinde des Nahen Ostens trafen sich im Sommer vor 25 Jahren in einem mondänen Landhaus in Norwegen. Dort, in einem Waldgebiet am Rande Oslos, verhandelten hochrangige israelische und palästinensische Emissäre tage- und nächtelang über das scheinbar Unmögliche: Frieden.

Am 20. August 1993 war es soweit. Beide Konfliktparteien einigten sich im Grundsatz darüber, wie ein Wandel durch Annäherung aussehen könnte. Nun, auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert später, ist einer, der viele Jahrzehnte seines langen Lebens für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern gekämpft hatte, gestorben: Uri Avnery. Er starb wenige Wochen vor seinem 95. Geburtstag in der Nacht zu Montag in Tel Aviv, nachdem er Anfang des Monats einen Schlaganfall erlitten und seither im Krankenhaus gelegen hatte. Dass ausgerechnet Avnery zum Kämpfer für den Frieden werden und den Alternativen Nobelpreis erhalten sollte, war nicht von Anfang an klar.  >>>

 

 


Uri Avnery ist tot - 20. 8. 2018 -  Reiner & Judith Bernstein - Uri Avnery ist tot. Er starb am 20. August nach einer Gehirnblutung in einem Tel Aviver Krankenhaus. 1923 als Helmut Ostermann geboren und in Hannover zur Schule gegangen, emigrierte seine Familie 1933 nach Palästina und ließ sich nach einer kurzen Übergangsphase in Nahalal – 1915 wurde dort Moshe Dayan geboren – in Tel Aviv nieder. 1938 schloss sich Avnery der illegalen „Nationalen Militärorganisation“ (Akronym „Irgun“) an, um das Recht auf einen eigenen Staat durchzusetzen: „Wir waren Friedenskämpfer, für die Briten jedoch Terroristen.“ Drei Jahre später verließ er die Organisation in der Überzeugung, dass die arabische Bevölkerung dasselbe Recht auf Unabhängigkeit habe wie die Juden. Nachdem er den UN-Teilungsplan vom November 1947 abgelehnt hatte, weil er auch Tulkarem, Hebron und Nablus als seine Heimat ansah, verstand er rasch, dass mit dem israelischen Unabhängigkeitskrieg, in dem er verletzt wurde, die Vorstellung der jüdisch-arabischen Koexistenz erledigt sei. Danach hielt Avnery an der Zwei-Staaten-Theorie fest. >>>





Uri Avnery ist tot - 20.08.2018 - Ein unermüdlicher Kämpfer für Frieden in Nahost Hans-Joachim Wiese im Gespräch mit Liane von Billerbeck - Deutschlandfunk Kultur - (...) Typischer Jecke - "Uri Avneri war, wenn man so will, der typische Jecke, also der Deutsche der nach Palästina eingewandert ist", sagte Redakteur Hans-Joachim Wiese, der mehrere Jahre als Israel-Korrespondent tätig war im Deutschlandfunk Kultur. Uri Avnery wurde am 10. September 1923 als Helmut Ostermann im westfälischen Beckum geboren. Mit zehn Jahren wanderte er mit seiner Familie nach Palästina aus. 1948 kämpfte er im ersten Nahostkrieg, wo er schwer verwundet wurde.

In Israel habe Avnery als Jecke keinen leichten Stand gehabt, sagte Wiese. Ihm sei sein Deutschtum gewissermaßen vorgeworfen worden, wie vielen anderen Einwanderern aus Deutschland auch. Politisch wandelte sich Avnery vom kämpferischen Zionisten zum Friedensaktivisten, schilderte Wiese das Wirken des Vertorbenen, der 1993 die Menschenrechtsgruppe Gusch Schalom ("Friedensblock") gründete. Auch als Parlamentsabgeordneter setzte er sich nach 1965 für die Zwei-Staaten-Lösung ein. Zuletzt hatte Avnery gegen das kürzlich verabschiedete Nationalitätengesetz protestiert.

In Israel ernete er auch Hass und Ablehnung
  - "Er war nicht nur umstritten, er war sogar verhasst und ist es auch sicherlich weiterhin nach seinem Tod", sagte Wiese. Das gelte für die Siedler, rechtsradikale Israelis und Anhänger einer Vertreibung der Palästinenser. Wiese erinnerte daran, dass Avnery vor einigen Jahren sogar Opfer eines Attentats war, bei dem er mit einem Messer attackiert und schwer verletzt wurde.  >>>

 


1950 - 1990
Herausgeber und Chefredakteur, Haolam Haseh Nachrichtenmagazin

1965 - 1969
1969 - 1973
1979 - 1981
drei Amtsperioden Knesset-Abgeordneter, insgesamt 10 Jahre

1975
Gründungsmitglied, Israelischer Rat für Israelisch-Palästinensischen Frieden

1993
Gründungsmitglied, Gush Shalom (Israelischer Friedensblock), unabhängige Friedensbewegung  http://www.gush-shalom.org


Kolumnist, Maariv, Tel Aviv.



Auszeichnungen:


Ehrenbürgerschaft des Dorfes Abu-Ghosh bei Jerusalem, in Anerkennung seines Anteils an der Verhinderung der Vertreibung des Dorfes, 12. Dezember 1953.

Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück , 21. Juni 1995.

Ehrenbürgerschaft der Stadt Kafr Kassem, in Anerkennung seines Anteils an der Aufdeckung des Massakers, verliehen am 40. Jahrestag, 31. Oktober 1996.

Aachener Friedenspreis (zusammen mit Gush Shalom), 1. September 1997.

Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte, 22. Januar 1998.

Niedersachsen-Preis für hervorragende publizistische Leistungen, 11. Februar 1998.

Palästinensischer Preis für Menschenrechte, verliehen von LAW, die palästinensische Gesellschaft für Menschenrechte, Jerusalem 7. Juni 1998.

Alternativer Nobelpreis (Right Livelihood Award 2001), Uri und Rachel Avnery und Gush Shalom, 4.Oktober 2001, Verleihung 7. Dezember 2001.

Ehrenmitgliedschaft von Rachel und Uri Avnery in der Erich Maria Remarque Gesellschaft e.V., Osnabrück, 2. Mai 2002

Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg, Verleihung 4. Mai 2002.

Lew-Kopelew-Preis, Köln, Verleihung März 2003.          Quelle

 

 

 

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